Erlauben Sie mir, dass auch ich meine Meinung zur Klangfrage zum Besten gebe. Vorweg sei gesagt, dass ich mir trotz aller Überzeugung nicht einbilde, meiner sei der einzig richtige und mögliche Weg Geigen zu bauen.
Die Mehrheit der Künstler von internationalem Rang spielen auf alten, meist italienischen Instrumenten. Vereinzelt, und wenn neue Geigen mit dem Klang dieser genannten Instrumente vergleichbar sind, werden sie ebenfalls von bekannten Künstlern eingesetzt.
Vorallem nach der klanglichen Qualität, die klassische Cremoneser Instrumente auszeichnet, oder die diesen zumindest nachgesagt wird, strebe ich.
Es kommt leider noch zu oft vor, dass Musiker schlechte Erfahrungen mit neuen Geigen gemacht haben. Es gibt offensichtlich zu viele schlechte neue Geigen, und so ist die verbreitete Meinung, neue Geigen taugten selten etwas, nicht ganz unbegründet. Meine Erfahrung und Überzeugung ist es jedoch, dass man Instrumente schaffen kann, die sich mit den besten alten Geigen messen können.
Neueste Experimente (Claudia Fritz, Joseph Curtin) zeigten sogar, dass es sich sogar umgekehrt verhalten solle, neue Geigen seine längst besser als Stradivaris. Dies würde zu Tage treten, wenn der Musiker die Qualität von Instrumenten blind prüft und somit die persönlliche "Einbildungskraft" ausgeschaltet ist. Hier erhebe ich Einspruch, Begründung weiter unten. siehe: (Stradivari-Geigen fallen im Blindtest durch)
Ist der Mythos nun entzaubert? Halb so wild. Sechs Instrumente und 21 Geiger sind zu wenig, um statistisch signifikant zu sein. Die Stichprobe ist klein und möglichweise nicht zufällig ausgewählt. Gegen das Ergebnis der Studie widerspricht die kollektive Erfahrung hunderter Spitzengeiger aus ca. 150 Jahren Konzerterfahrung. Sie meisten "Spitzengeiger" werden mit "normalen" Instrumenten angefangen haben, um dann später fast ausnahmslos auf eine Geige aus Cremona zu wechseln. Es sollte etwas dran sein, wenn so viele vom Temperament und Persönlichkeit unterschiedliche Geiger auf einer Stradivari oder Guarneri spielen wollen. Zu einfach, das als Mode abzutun. Die gute Seite der Studie ist ohne Zweifel die Botschaft, dass die besten neuen Instrumente an die Cremoneser herranreichen. Was mich an der Studie jedoch stört, ist das Gefühl, dass mutwillig an der Entmystifizierung von Meisterwerken gearbeitet zu werden scheint, was der Kunst damals wie heute nicht gut tut.
Falls über die Jahrhunderte mehrheitlich gute oder sogar immer bessere Streichinstrumente gebaut worden wären, so würde es heute keine besondere Nachfrage nach alten Instrumenten geben. Dem ist aber nicht so. In der Tat sind häufig die alten Instrumente besser als die jüngeren. Es ist nicht nur die Schönheit des Lackes, die Eleganz der Modelle oder die handwerklich gute Arbeit, die bei den Instrumenten der Cremoneser Tradition beeindrucken. Es ist vor allem der Klang, der diesen Instrumenten zu weltweitem Ruhm verholfen hat. Und das war schon zu Lebzeiten der Cremoneser Meister so, meine ich. Oft wird ja behaupet, erst durch fachmänische Pflege und Erhaltung seien die Instrumente so gut. Richtig ist wahrscheinlich, das durch die Pflege diese Instrumente immer noch gut sind. Sicher wurden aus diesem Grund vom spanischen und französischen Hof Instrumente in Cremona bestellt. Das ist auch ein Indiz dafür, dass der gute Klang nicht durch das Alter entstand. Schöne und handwerklich gute Streichinstrumente werden auch heute gebaut. Die Ästhetik und die sichtbare Meisterschaft ist nicht die Hauptursache des guten Klanges. Es gehört eine Reihe von Vorgängen dazu, die dem Betrachter des fertigen Instruments nicht offensichtlich sind. Wenn man die Geigen von Giuseppe Guarneri beispielsweise anschaut, so bemerkt man, dass die handwerkliche und ästhetische Dimension eine untergeordnete Bedeutung spielt. Das sage ich nicht, um eventuell eine schlampige Arbeit zu rechtfertigen. Aber dank Guarneri und dem Ruhm, den seine Geigen erlangt haben, können man sagen, dass eine sichtbar unsaubere (vielleicht nicht unästhetische) Arbeit keine Rückschlüsse auf den Klang zulässt.
Natürlich ist der Klang subjektiv, aber dennoch bewegt sich der gute Geigenklang unter "Kennern" in einem relativ begrenzten Rahmen.
Da die Klangqualität wohl nicht proportional zum Alter ist, werden die Geigen mit dem Alter nicht automatisch besser. Den Faktor Alter kann man getrost vergessen. Ein paar Monate nach Fertigstellung kann ein richtig gebautes Instrument einen beachtlich guten Klang entwickeln.
Weiteres zum Herstellungsprozess von Streichinstrumenten:
Da ich in Einzelfällen maschinell vorgefertigtes Material verwende (aus dem einfachen Grund, dem Kunden ein preislich günstigeres Instrument anbieten zu können), folgendes: Hauptzweck meiner Arbeit ist es, für den Musiker klanglich und spieltechnisch möglichst gute Instrumente zu schaffen. Dies ist mit Instrumenten, bei denen teilweise Maschinen zur Bearbeitung zum Einsatz gekommen sind, zu einem beachtlichen Maß auch zu erreichen, wie mit vollständiger Handarbeit. Voraussetzung ist Material zu verwenden, welches es erlaubt zu einem guten Ergebnis zu kommen. Es gilt zu erkennen, in welchen Bereichen eine maschinelle Fertigung dem qualitativen Ergebnis nicht schadet, vielleicht sogar nützlich ist, da für die relevanten Aufgaben mehr Zeit übrig ist. Auch der intelligente Einsatz von modernen Hilfsmitteln hat etwas mit Intuition zu tun.
Forschungen über den Cremoneser Geigenbau im 17. und 18. Jahrhundert zeichnen uns heute ein vielleicht unvermutetes Bild: Es gab wenige große Namen in Cremona, die viele "namenlose" Arbeiter unter sich arbeiten ließen, nicht anders ist es zu erklären, dass so wenige dem Namen nach bekannte Geigenbauer, diese doch erhebliche Anzahl von Instrumenten herstellen konnten. Der Cremoneser Geigenbau hatte damit bereits Züge einer seriellen Fertigung und hatte weniger mit mancher heutigen Vorstellung des kreativen Geistes zu tun, der über dem Instrument "meditiert". Kreativ waren die Geigenbauer damals wie heute in jedem Fall, denn es galt und gilt all diejenigen Möglichkeiten zu nutzen, die einem guten und zeitgemäßen Ergebnis dienen.
Mittlerweile ist es kein Tabu mehr, im Geigenbau moderne Techniken und neue Materialien einzusetzen (Elektrische Bandsäge, moderne Schleifmittel und Schleifpapiere, Tellerschleifmaschine, Oberfräse, Schärfmaschine für Werkzeuge, künstliches UV-Licht, holzzersetzende Pilze, Messungen der Holzqualität mit Ultraschall, usw. Bei der Saitenherstellung ist der Vorteil maschineller Hilfsmittel in der Herstellung z.B. unbestritten). Vielmehr ist das "Gewusst, wie" von Bedeutung. Das Wissen, warum ein Streichinstrument gut klingt und wie dies zu erreichen ist! Oder überhaupt eine genaue Vorstellung von dem zu haben, was man klanglich haben möchte.
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